Der Shih Tzu war einst der Lieblingshund chinesischer Kaiser – und er weiß das bis heute. Hinter dem wallenden Fell und den großen Augen steckt ein Hund mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, einer ordentlichen Portion Eigensinn und dem unbedingten Willen, das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Wer einen Shih Tzu erziehen möchte, braucht vor allem eines: Geduld und den richtigen Ansatz.
Herkunft und Charakter: Der kaiserliche Begleiter
Der Name "Shih Tzu" bedeutet auf Chinesisch "Löwenhund" – eine Anspielung auf das üppige Fell und die aufrechte Haltung. Jahrhundertelang wurde die Rasse ausschließlich als Hofhund gehalten, gezüchtet für Gesellschaft und Charme, nicht für Aufgaben oder Gehorsamkeit. Das erklärt vieles:
- Keine Arbeitsorientierung: Anders als Hütehunde oder Retriever wurde der Shih Tzu nie darauf gezüchtet, Befehle auszuführen. Er lernt es – aber er fragt sich immer, warum.
- Menschen-Bezogenheit: Er liebt seine Familie aufrichtig und ist äußerst anhänglich.
- Selbstbewusstsein: Eine Haltung, die gerne als arrogant wahrgenommen wird, ist in Wirklichkeit tiefe Unabhängigkeit.
- Verspielter Charakter: Shih Tzus sind humorvolle, lebendige Hunde, die Training als Spiel begreifen können – wenn es richtig verpackt wird.
Das Missverständnis "Sturkopf"
Wer mit einem Shih Tzu arbeitet, hört schnell das Wort stur. Doch das trifft es nicht ganz. Der Shih Tzu ist nicht bösartig oder unkooperativ – er ist einfach nicht von Natur aus kooperationsorientiert. Er wurde nie darauf gezüchtet, auf Ansagen zu hören. Wenn er deinen Rückruf ignoriert, denkt er nicht "Nein, das mache ich nicht" – er denkt "Wofür lohnt sich das?"
Das bedeutet konkret: Du musst seine Zusammenarbeit immer wieder verdienen. Strenges Training, Druck oder Strafen führen beim Shih Tzu fast immer zum Gegenteil. Er zieht sich zurück, verweigert oder wird ängstlich.
Was stattdessen funktioniert:
- Positive Verstärkung konsequent einsetzen: Leckerlis, Lob und Spiel direkt nach dem gewünschten Verhalten.
- Kurze Sessions: 5 bis maximal 10 Minuten, dann Pause. Shih Tzus verlieren die Konzentration schnell.
- Wiederholungen: Eine neue Übung braucht oft 20 bis 30 Wiederholungen, bis sie sitzt – das ist normal.
- Abwechslung: Denselben Ablauf zu wiederholen langweilt ihn. Variiere Reihenfolge und Umgebung.
- Einheitliche Signale: Alle im Haushalt müssen dieselben Kommandos benutzen – sonst nutzt der Shih Tzu die Uneinigkeit clever aus.
Gesundheit im Blick: Was das Training beeinflusst
Der Shih Tzu bringt einige rassetypische Gesundheitsbesonderheiten mit, die du beim Training unbedingt berücksichtigen musst.
Brachyzephalie – die kurze Nase
Der Shih Tzu ist eine brachyzephale Rasse: Der Schädel ist flach geformt, die Nase kurz. Das Weichgewebe im Nasen-Rachen-Raum ist dabei nicht kleiner geworden – es ist schlicht auf engerem Raum zusammengequetscht. Die Folge:
- Eingeschränkte Atemkapazität: Dein Shih Tzu kann sich nicht so intensiv belasten wie ein Hund mit normaler Schnauze.
- Hitzesensibilität: Im Sommer droht schnell Überhitzung, besonders bei hoher Luftfeuchtigkeit. Training immer in die kühlen Morgen- oder Abendstunden legen.
- Aufregung kontrollieren: Wird der Hund zu erregt, kann das die Atmung überlasten. Ruhepausen im Training sind kein Luxus – sie sind notwendig.
- Überbelastung erkennen: Schnelles Hecheln, blaue Schleimhäute oder Zusammenbruch sind Warnsignale – sofort Pause und Tierarzt kontaktieren.
Behalte Trainingseinheiten im Sommer besonders kurz und trainiere niemals in praller Sonne.
Bandscheibenerkrankung (IVDD)
Shih Tzus gehören zu den Rassen mit erhöhtem Risiko für Bandscheibenprobleme. Das hat direkte Auswirkungen auf das Training:
- Kein Hochspringen: Weder auf Sofas noch auf dich springen lassen. Rampen und Treppchen helfen.
- Keine Übungen mit starkem Verdrehen der Wirbelsäule – bestimmte Tricks sind ungeeignet.
- Kein Übergewicht zulassen: Jedes überschüssige Kilo belastet die Bandscheiben. Leckerlis beim Training in die tägliche Futtermenge einrechnen.
- Gelenkschonendes Bewegen: Moderates Gehen ist ideal, intensive Sprungübungen sind tabu.
Plötzliche Schmerzsymptome, Lähmungserscheinungen oder ein gekrümmter Rücken sind ein tierärztlicher Notfall.
Augenprobleme
Die großen, leicht vorstehenden Augen des Shih Tzus sind empfindlich. Beim Training in der Natur auf Äste, Gräser und Dornen achten, die in die Augen geraten können. Rötungen, übermäßiges Tränen oder Kratzen am Auge gehören zum Tierarzt.
Motivationsstrategien, die wirklich wirken
Der Shih Tzu ist kein Hund, der aus reiner Freude am Gehorchen trainiert. Er braucht einen guten Grund – und den lieferst du ihm:
- Hochwertige Leckerlis: Käsewürfel, Trockenfleisch oder kleine Fleischstücke motivieren deutlich stärker als trockene Hundekekse. Kleine Stücke reichen – der Shih Tzu ist kein großer Hund.
- Spiel als Belohnung: Manche Shih Tzus lieben ein kurzes Zerrspiel oder das Jagen eines Spielzeugs genauso wie Futter.
- Timing: Die Belohnung muss sofort nach dem gewünschten Verhalten kommen. Clicker-Training hilft, den Moment präzise zu markieren.
- Session mit Erfolgserlebnis beenden: Wenn eine neue Übung nicht klappt, geh zurück zu einer sicheren Aufgabe, belohne großzügig und beende die Einheit positiv.
Frustration auf deiner Seite spürt der Shih Tzu sofort – und er schaltet ab. Nimm eine Pause, wenn du merkst, dass die Geduld nachlässt.
Sozialisierung: Je früher, desto besser
Shih Tzus können bei mangelnder Sozialisierung misstrauisch gegenüber Fremden oder anderen Hunden werden. Starte deshalb so früh wie möglich:
- Welpengruppe: Der erste und wichtigste Schritt. Spielen mit anderen Welpen in einem sicheren Umfeld fördert Sozialkompetenz und Selbstvertrauen.
- Städtisches Alltagstraining: Belebte Straßen, Fahrräder, Busse, Kinderwagen – je mehr verschiedene Eindrücke in der Welpenphase, desto entspannter der erwachsene Hund.
- Menschen in verschiedenen Erscheinungsformen: Hüte, Bärte, Brillen – alles kann beim Shih Tzu zunächst Unsicherheit auslösen. Positive Erfahrungen mit Vielfalt aufbauen.
Passende Aktivitäten für den Shih Tzu
Geistige Auslastung ist beim Shih Tzu mindestens so wichtig wie körperliche Bewegung – und oft verträglicher für Atemwege und Rücken:
- Nasenarbeit und Suchspiele: Versteckte Leckerlis im Garten oder der Wohnung suchen lassen. Das ermüdet mental, ohne den Körper zu überlasten.
- Tricks und Kunststücke: Shih Tzus lieben es zu zeigen, was sie können. Pfote geben, Slalom zwischen den Beinen, Zirkusnummern – das motiviert sie.
- Entspannte Spaziergänge: Viel schnüffeln lassen, Tempo anpassen. Kein Marathon-Training.
- Dog Dancing in der Grundform: Leichte Bewegungsabfolgen, die den Shih Tzu in Kontakt mit dir bringen, ohne ihn zu überlasten.
Was du meiden solltest: Agility mit vielen Sprüngen und intensive Ausdauersportarten sind für die meisten Shih Tzus ungeeignet.
Was eine gute Hundeschule für den Shih Tzu mitbringt
Nicht jede Hundeschule kommt mit einem Kleinhund wie dem Shih Tzu gut zurecht. Achte bei der Wahl auf:
- Erfahrung mit kleinen und kurznasigen Rassen: Der Trainer sollte wissen, dass Schnauzenlänge und Körpergröße das Training beeinflussen.
- Ausschließlich positive Trainingsmethoden: Strafbasiertes Training funktioniert beim Shih Tzu nicht – und hinterlässt bleibende Schäden im Vertrauen.
- Kleine Gruppen: In großen Kursen geht der Shih Tzu in Reizüberflutung. Kleingruppen oder Einzeltraining sind besser geeignet.
- Realistische Erwartungen: Ein guter Trainer weiß, dass Gehorsam beim Shih Tzu immer Überzeugungsarbeit bedeutet – und erklärt dir, wie du langfristig Fortschritte machst.
- Kein Hochsprung-Training: Rückengerechte Übungen sind beim Shih Tzu Pflicht, kein Bonus.
Fazit
Den Shih Tzu zu erziehen bedeutet, einen Kompromiss mit einem charmanten Eigenbrötler zu schließen. Er ist intelligent, er lernt – aber er verlangt, dass du ihn motivierst und respektierst. Mit positiver Verstärkung, kurzen Sessions und einem gesunden Blick auf seine körperlichen Grenzen wirst du einen treuen, verspielte Begleiter gewinnen, der das Leben mit dir aufrichtig genießt.
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Quellen
- Purina Deutschland: Shih Tzu Rasseportrait – purina.de
- zooplus Magazin: Shih Tzu Charakter, Haltung & Pflege – zooplus.de
- shihtzu.de: Shih Tzu Erziehung – shihtzu.de
- UFAW (Universities Federation for Animal Welfare): Shih Tzu – Brachycephalic Airway Obstruction Syndrome – ufaw.org.uk
- VCA Animal Hospitals: Brachycephalic Airway Syndrome in Dogs – vcahospitals.com
- dasgesundetier.de: Shih Tzu Rasselexikon – dasgesundetier.de
- American Shih Tzu Club: Positive Reinforcement – shihtzu.org