Wie du kognitive Dysfunktion beim alternden Hund erkennst und den Alltag anpasst — für mehr Lebensqualität.
Dein alter Hund starrt plötzlich gegen die Wand. Mitten in der Nacht läuft er unruhig durch die Wohnung, schläft tagsüber dafür stundenlang. Er vergisst Kommandos, die er jahrelang sicher konnte. Er wirkt verloren — in einem Zuhause, das er eigentlich in- und auswendig kennt. Wenn du solche Veränderungen bemerkst, steckt dahinter oft keine Eigenwilligkeit und kein Trotz. Es kann ein ernstes medizinisches Geschehen sein: das Canine Kognitive Dysfunktionssyndrom, kurz CDS — besser bekannt als Hundedemenz.
Das Canine Kognitive Dysfunktionssyndrom (CDS) ist eine neurodegenerative Erkrankung, die dem Alzheimer des Menschen sehr ähnelt. Im Gehirn betroffener Hunde lagern sich fehlerhafte Proteine (Beta-Amyloid-Plaques) ab, Nervenzellen sterben ab, und die Kommunikation zwischen den Hirnregionen bricht schrittweise zusammen. Gleichzeitig sinkt der Dopaminspiegel im Gehirn, oxidativer Stress nimmt zu, und die Energieversorgung der Nervenzellen verschlechtert sich.
CDS lässt sich nicht heilen — aber verlangsamen. Und mit dem richtigen Umgang kannst du die Lebensqualität deines Hundes trotz der Erkrankung lange erhalten.
Erschreckend häufig — und trotzdem stark unterdiagnostiziert. Studien zeigen:
Mit jedem weiteren Lebensjahr steigt das Risiko um rund 52 Prozent. Dennoch wird CDS in der tierärztlichen Praxis nur selten formell diagnostiziert — Studien schätzen, dass weniger als 2 Prozent der betroffenen Hunde eine offizielle Diagnose erhalten. Das liegt auch daran, dass viele Halter die Symptome als normales Altern abtun.
Die Hauptsymptome von CDS werden international unter dem Akronym DISHA zusammengefasst. Das erleichtert es, auf die wichtigsten Anzeichen zu achten:
Zusätzlich berichten viele Halter von:
Wenn du mehrere dieser Zeichen erkennst, ist ein Tierarztbesuch dringend angeraten. Denn CDS ist eine Ausschlussdiagnose: Schilddrüsenprobleme, Schmerzen, Nierenerkrankungen oder Bluthochdruck können sehr ähnliche Symptome erzeugen und müssen zuerst ausgeschlossen werden.
Dein Tierarzt wird zunächst körperliche Ursachen ausschließen — durch Blutbild, Urinuntersuchung und neurologische Tests. Für die eigentliche Beurteilung der kognitiven Funktion gibt es standardisierte Fragebögen wie die Canine Dementia Scale (CADES) oder die Canine Cognitive Dysfunction Rating Scale (CCDR), die du als Halter ausfüllst. Deine Beobachtungen aus dem Alltag sind dabei das wichtigste diagnostische Werkzeug überhaupt.
Es lohnt sich, vor dem Termin ein kurzes Tagebuch anzulegen: Wann zeigt dein Hund welche Auffälligkeiten? Wie oft und wie stark? Das gibt dem Tierarzt wertvolle Hinweise.
In Deutschland und der EU ist Selegilin (Handelsname Selgian) das einzige offiziell für CDS zugelassene Tierarzneimittel. Es hemmt den Abbau von Dopamin im Gehirn, reduziert freie Radikale und verbessert nachweislich kognitive Funktionen bei betroffenen Hunden. Der Wirkungseintritt dauert typischerweise drei bis acht Wochen — nicht wundern, wenn sich zunächst nichts tut. Die Gabe muss regelmäßig erfolgen und dauerhaft beibehalten werden.
Mehrere Ergänzungsmittel haben in Studien positive Effekte gezeigt:
Spezielle Seniorenfutter enthalten oft bereits angepasste Mengen dieser Nährstoffe. Besprich mit deinem Tierarzt, welche Kombination für deinen Hund sinnvoll ist — Eigenregie bei der Dosierung ist hier nicht empfehlenswert.
Die Anpassung der Umgebung und des Tagesablaufs ist mindestens so wichtig wie jede medikamentöse Therapie:
Forschungsergebnisse zeigen eindeutig: Regelmäßige mentale Stimulation verlangsamt den kognitiven Abbau bei älteren Hunden. Das Gehirn profitiert von Herausforderungen — auch ein betroffener Hund kann noch Neues lernen und profitiert davon.
Geeignete Aktivitäten für Hunde mit CDS:
Experten empfehlen täglich zehn bis zwanzig Minuten gezielte mentale Stimulation, aufgeteilt in mehrere kurze Einheiten. Das ist realistisch umsetzbar und zeigt messbare Effekte.
CDS verändert das Verhalten deines Hundes oft auf Wegen, die im Alltag herausfordernd sein können: Schlafstörungen, Unsauberkeit, erhöhte Ängstlichkeit, Aggressivität. Wenn du das Gefühl hast, dass du allein nicht weiterkommst, ist das keine Schwäche — es ist der richtige Impuls.
Einige auf Senioren spezialisierte Hundetrainer und Verhaltensberater kennen das Krankheitsbild gut und können dir helfen, den Alltag so zu gestalten, dass er für euch beide funktioniert: mit angepassten Übungen, Stressvermeidung und konkreten Routinen, die deinen Hund stabilisieren. Auf hundeschulen-finder.de kannst du gezielt nach Hundeschulen und Trainern in deiner Nähe suchen — viele bieten Einzelstunden an, die individuell auf die Bedürfnisse älterer Hunde abgestimmt sind.
Hundedemenz ist kein Urteil. Sie verändert deinen Hund — aber sie löscht nicht aus, wer er ist. Viele Hunde mit CDS haben noch Jahre vor sich, in denen sie Freude, Nähe und gute Momente erleben. Dein Engagement, deine Geduld und deine Bereitschaft, den Alltag anzupassen, machen den größten Unterschied.
Bleib in engem Kontakt mit deinem Tierarzt, beobachte die Entwicklung sorgfältig und gib dir selbst auch Raum, mit dieser Situation umzugehen. Die Pflege eines kognitiv beeinträchtigten Hundes ist emotional anspruchsvoll — das anzuerkennen ist keine Kleinigkeit.